© Yang Su-yeol
Manchmal, wenn ich mitten in der Nacht aufwache, steige ich – in der Dunkelheit liegend – den Bergpfad in meinem Herzen hinauf. Den Pfad, wo die Häuser allmählich dem Wald wei¬chen. Im Wald komme ich allmählich ins Schnaufen. Ich stelle mir vor: Lin¬ker Fuß, rechter Fuß. Abwechseln von Licht und Schatten. Beschleunigter Herzschlag, Stirn und Rücken nass von Schweißrinnsalen. Dann endlich der riesige Fels auf dem Gipfel. Das Gefühl der Befreiung, das die sanften Berg-brisen heranwehen. Und das majestätische Panorama, das sich vor mir auf¬tut.
Mit über 4.000 Bergen oder „san“ ist in Korea der nächste Gipfel nie weit. Das gilt vor allem für Seoul, eine Metropole mit fast zehn Millionen Ein¬wohnern. Mit dem Nam-san im Zentrum, wird Seoul gleichsam von einem Wandschirm aus Bergen eingeschlossen, darunter der An-san, der Inwang-san, der Gwanak-san, der Buram-san, der Dobong-san und der Bukhan-san. Die Natur ist von jedem Punkt der Stadt aus innerhalb von nur einer Stunde zu erreichen. Ein Tagesausflug ist jederzeit ohne besondere Ausrüstung und im lockeren Outfit möglich. Die Bergpfade sind sicher, vor Verbrechen oder Angriffen wilder Tiere braucht man keine Angst zu haben. Entlang der gut instand gehaltenen, mit ausführlichen Orientierungshinweisen versehenen Wege stehen zudem Schutzhütten, von wo aus der Wandersmann die Natur und gleichzeitig den Ausblick auf die Stadt genießen kann. Im März dieses Jahres hatte der Bukhansan-Nationalpark 670.000 Besucher, 41% mehr als im Vergleichsmonat des Vorjahres.
Mit dem Wandel der Zeiten hat sich auch das Bergwandern verändert: War Wandern lange das liebste Freizeitvergnügen von Menschen in den 40ern und 60ern, so sind jetzt junge, über Online-Communities oder Hobby-Platt¬formen organisierte Bergsteigenthusiasten in ihren 20ern und 30ern „auf dem Vormarsch“. Und die jungen Leute lassen weder ihr Modebewusstsein noch ihre Gewohnheiten im Umgang mit den Sozialen Medien zu Hause. Statt der bunten Nullachtfünfzehn-Outdoor-Bekleidung, die ihre Eltern und Gro߬eltern trugen, bevorzugen sie stylische Leggings und Berglaufschuhe. Und ihre Hiking-Selfies posten sie auf Instagram. Manche richten eigene Plattfor¬men zum Teilen ihrer Hobby-Erlebnisse ein, knüpfen neue Beziehungen oder beteiligen sich sogar an Clean-Hiking-Kampagnen zum Abfallsammeln in den Bergen.
Zudem nutzten bzw. nutzen mehr und mehr Millennials Berge und Wäl¬der als Fluchtweg aus der sozialen Distanzierung und der zunehmenden Corona-Müdigkeit, denn die Pandemie erschwert Reisen ins Ausland und bindet einen an die eigenen vier Wände. Mit Stand von März 2020 sollen ca. 670.000 Menschen den Bukhansan-Nationalpark besucht haben – ein Zuwachs von 41 % gegenüber dem Vorjahrsmonat. Die Tendenz zu kontakt¬losen Ausflügen hat die Berglandschaft verjüngt.
In der Dunkelheit liegend, beneide ich die jungen Wanderer, die bequem gekleidet alleine den Gipfel stürmen und die weite Welt vor sich sehen. Ich richte dem jünger gewordenen Berg meinen Gruß aus. Und dann beginne auch ich zu wandern. Linker Fuß, rechter Fuß…